Warum wir Schmerzen haben – über den Erstarrungsreflex

Neueste Erkenntnisse in der Grundlagenforschung geben Hinweise auf die Wirkung von Bewegung und Stress auf unseren Körper und damit Schmerz. Schmerz ist in den meisten Fällen ausgelöst durch Muskel- und Bindegewebsspannung. Der Schmerz entspricht dabei häufig nur der Spitze des Eisberges. Der größte Teil des Eisberges liegt unter Wasser und entspricht einer ausgedehnten Spannungsregion, welche sich durch den Körper zieht. Diese Spannung ist dabei nichts Krankhaftes. Es handelt sich dabei um eine natürliche Anpassungsreaktion bzw. einen Schutzreflex des Körpers, um auf diverse Stressoren (körperlich, psychisch) zu reagieren. Jeder Mensch hat diese Spannung, welche sich jeden Tag überall im Körper bildet und zurückbildet – je nachdem, wie viel Spannungssignale (Stress, wenig Bewegung) und wie viele Entspannungssignale (Stressverminderung, Bewegung, Dehnung) der Körper erhält. Wenn  Stress, Bewegungsmangel, Dehnungsmangel oder Überbeanspruchung bestimmter Muskeln überwiegen, werden wir fester. Festigkeit bzw. Spannung ist die Grundlage für Schmerzsyndrome wie Rücken- und Nackenschmerz oder Fuß- und Kopfschmerzen. Bei mehreren Schmerzpunkten handelt es sich meist nur um mehrere Eisbergspitzen desselben Eisberges – eine große Spannungsregion im Körper. Daraus leitet sich auch die Notwendigkeit zur Ganzkörperbehandlung ab. Die Wirbelsäule spielt dabei häufig eine übergeordnete Rolle. Beispielsweise sind Beschwerden im Arm meist durch Spannungsregionen verursacht, welche im Bereich der Brust- und Halswirbelsäule sowie Rippen liegen. Diese Spannung nennen wir Erstarrungsreflex, da es sich um evolutionär uralte Nervenzellen (WDR-Neurone) handelt, welche im Rückenmark liegen und bei genannten Stressoren als Reflex Spannung in ihrem Versorgungsgebiet erzeugen. Wir können dies also nicht bewusst kontrollieren. Man könnte sich an dieser Stelle fragen, wieso der Körper Spannung erzeugt, wenn man dadurch Beschwerden erleiden muss. Dieser scheinbare Widerspruch ist bei genauerem Hinsehen gar keiner.

Ökonomisierung

Der Körper reguliert den Energiebedarf der Muskulatur unter anderem durch Muskelspannung. Ein Muskel, der chronisch fest ist, benötigt weniger Energie. Diesen Effekt können Sie bei sich selbst beobachten, wenn sie morgens fester sind und sich strecken wollen. Die Spannung hat sich in der Nacht durch Nicht-Bewegung erhöht. Um wieder aktiv zu werden, strecken wir uns. Tiere machen es oft ebenso nach dem Schlafen. Vielleicht haben Sie Beschwerden, die morgens/nachts oder nach langem Sitzen schlimmer werden. Dies tritt häufig bei Beschwerden aufgrund von Spannung auf. Wenn Sie einen eingegipsten Arm haben und diesen Arm später aus dem Gips befreien, werden Sie merken: Er ist fest und unbeweglicher. Dem Körper wird signalisiert: „Die Beweglichkeit dieses Armes benötige ich offensichtlich nicht mehr, da er nicht bewegt wird“. Der Körper fängt also an, den Arm, welcher nun eine energetische Belastung zu sein scheint, fester zu machen um Energie zu sparen.

Der Körper des Menschen hat sich in einer entbehrungsreichen Natur entwickelt, in der nur der am besten Angepasste überlebt. Was nicht benutzt wird, wird langsam abgebaut.

Finn Fleischhauer

Je länger der Arm nicht bewegt wird, desto fester wird die Muskulatur. Langfristig wird dann die Muskelspannung durch Bindegewebsspannung ergänzt, wodurch der Körper die Möglichkeit bekommt, die Muskulatur des Armes abzubauen, denn „kein Muskel“ benötigt noch weniger Energie als ein chronisch fester Muskel.

Belastungsanpassung

Auch muskuläre, monotone Überlastung (z.B. überdurchschnittliche lange/stark angespannte Nackenmuskulatur bei Schreibtischtätigkeit) vor allem in monotoner Körperhaltung signalisiert dem Körper, dass ebendiese muskuläre Anspannung notwendig ist, da sie jeden Tag abgefordert wird: Der Körper merkt es sich, diese Muskeln so anzuspannen, wie es bei der Arbeit der Fall ist. Daher neigt man verstärkt dazu mit dieser Muskulatur Spannung zu erzeugen (auch außerhalb der Arbeitssituation).

Die Bedeutung der Psyche

Stress, Spannung, Nicht-Bewegung und Schmerz vermitteln eine diffuse Gefährdung des Körpers. Der Körper kann Gefahr nicht interpretieren, reagiert also pauschal mit Spannung und erhöhter Schmerzempfindlichkeit – einerseits, um sich über die festere Muskulatur auf einen möglichen Energiemangel (welcher in der Natur wahrscheinlich wäre) vorzubereiten und andererseits, um die Kontraktionsbereitschaft der Muskulatur für den Fall von Gefahr zu erhöhen. Erhöhte Schmerzempfindlichkeit ist ein guter Schutzmechanismus, um den Körper vor vermeidbarer Verletzung zu schützen.

Beispiel
Ein Mensch mit angespannten beruflichen und privaten Verhältnissen, Schreibtischtätigkeit und ängstlicher Persönlichkeitsstruktur wird auf einen weiteren Stressor mit mehr Muskelspannung reagieren als es jemand mit ausgeglichenem Alltag und viel Bewegung täte. Nicht nur aktueller Stress sondern ebenso biographischer Stress hat seine Einflüsse. Besonders das Kindesalter kann dabei die Körperreaktion, die man als Erwachsener zeigt, prägen (Trennung / Streit der Eltern, Tod von Angehörigen, ängstliche Persönlichkeitskonditionierung durch überängstliches Elternteil). Die möglichen Stressoren sind dabei natürlich unendlich vielfältig. Man bedenke, so manch „unproblematische Aussage“ kann ein Kind stark negativ prägen.

Ergo

Wenn wir unsere Muskeln nicht ausreichend benutzen, werden sie fester und der Mensch wird unbeweglicher. Ein entscheidender Grund, warum man mit zunehmendem Alter unbeweglicher wird. Wer sich die Vielfalt der körperlichen Betätigung seiner Kindestage beibehält wird sein Leben lang beweglich bleiben. Der Berufsalltag in einem modernen Industriestaat fordert jedoch oft wenig Bewegung ab. Wir sind am Ende des Arbeitstages erschöpft, ohne viel Bewegung gehabt zu haben. Dieser Zustand des „Zu-wenig-Bewegens-im-Alltag“ hält in aller Regel das ganze Leben lang an. Der Körper hat somit viele Dekaden Zeit sich immer fester zu machen. Es gilt also, diese Bewegung im sonstigen Alltag zu imitieren – je früher, desto besser. Jedoch ist es nie zu spät.

Was wir tun können

Die therapeutische Herangehensweise bei Schmerzsyndromen im Alltag dreht sich also um Spannungsreduktion. Spannungsreduktion heißt lockere Bewegung, Stressverminderung und Dehnung. So erzeugen WDR-Neurone weniger Spannung. Mögliche Strategien, dies zu ermöglichen, sind:

  1. Bei sehr vielen Patienten ist Stress eine entscheidende Ursache von zu starker Muskelspannung und damit Schmerz. Oft heißt es, die Beschwerden würden im Urlaub besser werden. Es gilt aufmerksam zu sein, was es im Lebensalltag – ob beruflich oder privat – sein könnte, das Stress erzeugt. Genauso wichtig ist: Was bereitet Freude? Was kann ich für meine Entspannung tun? Kann ich nach der Arbeit abschalten oder trage ich die Sorgen und Gedanken der Arbeit nach Feierabend mit nach Hause? Gibt es familiäre Dissonanzen? Das ist ein vielfältiges und höchst individuelles Thema.
  2. Vermeiden Sie Stühle so oft es geht. Das Sitzen auf Stühlen und auf der Couch ist sehr bequem. Hier lässt es sich stundenlang aushalten. Das Problem ist dabei jedoch genau das: Der Körper bewegt sich in dieser Zeit kaum und wird nicht gedehnt. Besser ist es stattdessen, sich häufiger auf den Boden zu setzen. Wenn ich Fernsehen auf dem Teppich schaue, sitze ich stets in einer Position (z.B. Schneidersitz), in welcher so manche Muskelpartie gedehnt wird (merke: Dehnung erzeugt Spannungsreduktion). Da es nach kurzer Zeit unbequem wird, muss ich die Position wechseln. Ich nehme demnach eine andere Sitzposition ein, in der andere Muskeln gedehnt werden. Sobald sich meine Füße also auf Höhe des Beckens befinden, zwinge ich meinen Körper in eine gedehnte Position. Wenn man auf die geliebte Couch nicht verzichten möchte, kann man den Bodensitz auch imitieren indem man die Füße mit auf die Couch hochnimmt.
  3. Praktizieren Sie Yoga, gehen Sie spazieren und treiben Sie Sport. Yoga ist im Speziellen genannt, da die große Vielfalt verschiedenster, dehnender Körperübungen in entspannter Umgebung praktisch alle Muskeln im Körper abdeckt. Jede Woche wird der ganze Körper einmal komplett durchgedehnt. Generell kann man häufiger spazieren gehen oder sich einen Sport aussuchen, der Spaß macht. Jede Bewegung ist wertvoll. Je vielfältiger und abwechslungsreicher er ist, desto besser.

Mehr oder minder geeignete Bewegungsformen sind:

  1. Besonders empfehlenswert ist die Kombination aus Dehnung, Bewegung, Vielfalt und auch Entspannung wie Yoga, Pilates, die tiefe Hocke und der Bodensitz.
  2. Klettern/Bouldern, Spielsportarten oder Tanzen sind ebenfalls vielfältig mit Bewegung und Dehnung, jedoch in der Dehnungsvielfalt nicht so umfangreich wie Yoga.
  3. Ausdauersportarten sind gut, da bewegend, jedoch weniger optimal als oben Genanntes, da sie in den Bewegungsabläufen relativ monoton sind und ohne vielfältiger Dehnung auskommen.
  4. Kraftsportarten wie der Gang ins Fitnessstudio – insbesondere, wenn es nicht wirklich Spaß macht – sind ebenfalls gut, da bewegend, jedoch ohne Dehnung, mit wenig Vielfalt und mit dem Risiko der Spannungserhöhung. Sie sind daher für viele Patienten nicht zu empfehlen.

Auch wenn manche Bewegungsformen effektiver sind als andere – fast alle sind gut, auch die letztgenannten. Jede Bewegung signalisiert den entsprechenden Muskeln, dass sie noch gebraucht werden. Das hält uns locker. Zu guter Letzt gilt es zu verstehen, dass der Erstarrungsreflex es im Grunde gut mit einem meint. Schmerz ist Folge von Spannung; und die Spannung kann man als Warnung verstehen, auf mehr Bewegung und weniger Stress zu achten. Daher gilt also:

Spaß und Bewegung – der Körper ist unser Freund.

Finn Fleischhauer