Die Macht assoziativer Gefühle

Wer kennt es nicht: diese besonderen Gerüche, die uns an besondere Momente und Gefühle erinnern. Oder die Lieder aus der Jugend, die Gänsehaut erzeugen. Wir alle kennen diese mächtigen Assoziationen und sind uns der Bedeutung dieses Begriffes „Assoziation“ gar nicht bewusst. Assoziation bedeutet die Fähigkeit unseres Gehirns, zwei Eindrücke miteinander in kausalen Zusammenhang zu bringen, wo ursprünglich kein Zusammenhang besteht. Es ist die Grundlage jeglicher Anpassungsfähigkeit und Lernfähigkeit eines jeden höher entwickelten Tieres.

Hatte ich als Kind einen besonders schönen Moment, als ich frische Sägespäne gerochen habe, so assoziiere ich diesen Geruch mit der Emotion, die ich im selben Moment gefühlt habe. Haben im Heimatort meiner lieben Großmutter immer die Kirchenglocken geläutet, so assoziiere ich das Läuten mit den Emotionen, die ich mit ihr verbinde. Das Gehirn lernt, bestimmte Reize als erstrebenswert zu bewerten, damit wir uns diesem häufiger aussetzen. Genauso gibt es auf der anderen Seite die negativen Assoziationen. Gewaltopfer entwickeln Angst vor Männern in dunklen Straßen. Erwachsene entwickeln Hemmnisse Auto zu fahren nach einem Unfall. Wir nennen es Traumatisierung. Im Grunde ist es eine Anpassungsreaktion, denn der Körper möchte verhindern, dass wir uns diesem Stress erneut aussetzen. Es ist ein natürliches Vermeidungsverhalten.

Wunderwerk Natur

Dieses geniale Anpassungssystem ist wahnsinnig klug, denn es bietet der menschlichen Genetik die grenzenlose psychische Anpassungsfähigkeit, die ihm das Überleben gesichert hat. Ein Steinzeit-Kind kann lernen, dass der aggressive Berglöwe, der bereits früher Clan-Mitglieder gefressen hat, sich durch raschelndes Laub und knackende Äste ankündigt. Es wird lernen, dass es auf ebendiese Geräusche in Zukunft zu achten hat. Diese Sensibilität erhöht also die Überlebenschance, denn das Kind wird den Berglöwen beim nächsten Auftauchen besonders früh registrieren. Dies bedeutet natürlich auch, dass es bei einem Knacken und Rascheln mit Angst reagiert, unabhängig von der Ursache. In der modernen Welt würden wir dieses Kind als traumatisiert bezeichnen. Aus Sicht der Natur ist es gut angepasst auf die traumatisierenden Erfahrungen der Vergangenheit.

Assoziation in der Erziehung

Ein Beispiel: Ein Vater, sehr fordernd und anspruchsvoll, will seinem Kind seine Faszination zur klassischen Musik nahe bringen. Wann immer er diese hört, drängt er sein Kind „doch mal hinzuhören“ und „mal still“ zu sein um sich „dieser wunderbaren Musik“ hinzugeben. Er möchte Faszination wecken und erreicht damit jedoch wohl nur eines: Abneigung. Das Kind assoziiert klassische Musik mit „mein Vater baut Druck auf mich auf“ und „ich habe keine Lust“. Nun nehmen wir das Gegenbeispiel. Ein anderer Vater hört gerne klassische Musik und würde sich freuen, wenn sein Kind diese Leidenschaft teilen würde. Er weiß jedoch, dass er es seinem Kind niemals aufzwingen kann. Er genießt einfach die Musik für sich und macht es sich nett. Er ist ruhig, entspannt, trinkt einen warmen Kakao und macht sich eine schöne Zeit bei Kerzenschein. Das Kind lernt: „mein Vater ist entspannt und nett“ und „Lecker, Kakao!“. Was passiert ist Folgendes: das Kind hat eine schöne Zeit mit dem Vater und assoziiert diese Gefühl mit klassischer Musik, da beides zur gleichen Zeit geschehen ist. Positive Assoziation ist damit ein mächtiges Werkzeug in der Erziehung.

Assoziation in der Beziehung

Viel zu tun, wenig Freizeit und wenig Zweisamkeit. Die Probleme moderner Beziehungen sind vielfältig. Was schnell passieren kann: viel Kommunikation passiert unter dem Eindruck schlechter Gefühle. Wenn man ausschließlich unter Zeit- und Arbeitsdruck mit dem Partner kommuniziert, kann es passieren, dass sich die Situationen häufen, in denen man miteinander redet, während es einem gerade nicht gut geht. Dies provoziert Ungeduld, Angespanntheit und negative Gefühle. Wenn der Partner nun unterbewusst assoziiert, dass Gespräche meist nur unter dem Eindruck dieser Gefühle stattfinden, besteht die Gefahr, dass die unangenehmen Gespräche mit der Person des Anderen assoziiert werden. Die Partner betrachten sich damit nicht mehr grundsätzlich positiv wie eine Person, mit der sie ausschließlich positive Erfahrungen teilen, sondern sie betrachten sich zunehmend negativ, je mehr negative Momente miteinander geteilt werden. Die negativen Erinnerungen werden Teil der gefühlten Beziehungswelt. Auch hier lässt sich eine positive Assoziation „nutzbringend“ anwenden.

Assoziative Gefühle nutzbar machen

Assoziationen bestimmen das künftige Verhalten einer Person. Dabei kann sich ein positives bzw. negatives Schneeballsystem entwickeln:

1) Negative Schneeball Assoziation an einem Beispiel: Ich bin Vater eines Sohnes. Ich bemerke abnehmende Schulleistungen und möchte dies ändern. Ich möchte Einfluss auf ihn nehmen da seine Schullaufbahn so wichtig ist. Wenn wir am Esstisch sitzen kontrolliere ich, ob er seine Hausaufgaben gemacht hat. Wenn wir uns im Flur treffen spreche ich ihn auf die Möglichkeit der Nachhilfe an. Wenn ich an seine Zimmertür klopfe, spreche ich meine Bedenken bezüglich ein paar seiner Freunde aus, die einen schlechten Einfluss auf ihn haben. Es vergehen viele weitere Situationen, in denen ich meinen Sohn betrachte und dabei an seine schlechten Schulleistungen denke und entsprechend kommentiere. Ich für meinen Teil assoziiere meinen Sohn bereits mit seinen schlechten Schulnoten da sich meine Gedankenwelt darum dreht. Nach einer gewissen Zeit bemerke ich, dass mein Sohn zunehmend gereizt wird wenn ich mit ihm rede und dass wir weniger Zeit miteinander verbringen. Was passiert ist: er hat meine Person mit den negativen Gefühlen assoziiert, welche er in Zusammenhang mit seinen Schulleistungen hat. Um sich mit diesen Gefühlen nicht auseinandersetzen zu müssen, weicht er mir aus und reagiert gereizt wenn „das schlechte Gewissen in Person“ schon wieder nerven könnte. Ich wollte Kontrolle und Einfluss und habe die emotionale Integrität meines Sohnes außer Acht gelassen. Er wendet sich von mir ab und damit entgleitet mir die Kontrolle schlussendlich. Wir nehmen somit zwei antagonistische Positionen ein, welche sich in erster Linie bekämpfen. Ein Einfluss meinerseits wird zunehmend schwierig. Stattdessen setze ich unsere Beziehung aufs Spiel.

2) Positive Schneeball Assoziation: Ich mache mir Sorgen um meinen Sohn, merke jedoch auch, dass ich nicht mit der Tür ins Haus fallen kann. Ich fokussiere mich daher nicht auf dieses „Problem“. Ich versuche einfach, eine möglichste schöne Zeit mit ihm zu verbringen. Mit Geduld, Zeit und freundschaftlicher Zweisamkeit hat mein Sohn die Möglichkeit, die Zeit, die wir miteinander verbringen, als „schön“ zu assoziieren. Wenn er mich sieht, freut er sich. Wenn wir miteinander reden, hört er mir gerne zu. Wir kommen ungezwungen auf das Thema Schulleistungen zu sprechen und vielleicht erzählt er mir bereitwillig von seinen Sorgen. Ich könnte nun eher in die Situation kommen, in der mein Sohn mich als Gesprächspartner aufsucht um Gefühle zu teilen. Er breitet sein schlechtes Gewissen und seine Schwächen vor mir aus und bittet mich somit um Teilnahme. Würde ich ihm einen Vorwurf machen, so würde er das, was er vor mir ausgebreitet hat, sofort wieder zusammensammeln und sich abwenden. Stattdessen bin ich in der dankbaren Situation „der Gefragte“ zu sein. Eine Potenzial für gesunde Einflussnahme. An diesem Punkt kann ich über freundschaftliches und wohlwollendes Verhalten sanften Einfluss nehmen. Dabei gibt es immer Grenzen, welche mein Sohn unbewusst bestimmt. Diese Grenzen dürfen nicht überschritten werden, da ich hier wieder aus der freundschaftlichen Situation heraustrete.

Die Bedeutung der Assoziation für den Körper

Schmerzsyndrome haben oftmals eine entscheidende Ursache in emotionalem Stress. Diesen zu minimieren ist in vielen Patientenfällen ein entscheidender Schritt zur Schmerzfreiheit. Die Komplexität menschlicher Kommunikation wiederum ist oft entscheidender Baustein emotionalen Stresses und damit Objekt der Begierde für die Schmerztherapie. Zur Stressbewältigung ist also unter Umständen eine Veränderung der Kommunikation notwendig. Sich der Macht assoziativer Gefühle bewusst zu sein beeinflusst maßgeblich die Betrachtungsweise unseres gesamten menschlichen Beisammenseins.

„Die universale Wirkweise assoziativer Gefühle und ihre Nutzbarmachung war für mich eine Art Offenbarung zum Verständnis der menschlichen Emotionswelt und auch des Körpers. Hier wirken die gleichen Prinzipien zwar weniger deutlich, jedoch nicht weniger mächtig. Ein verkanntes Werkzeug für osteopathische Therapie.“

Finn O. Fleischhauer, Osteopath und Praxisinhaber „Analytische Osteopathie und Schmerzprävention“, hat dieses Thema als Herzensangelegenheit für sich entdeckt und referiert gelegentlich recht ausschweifend vor interessierten Patienten.