Die Bedeutung der Kindheit für Schmerzen im Heute

von Finn Fleischhauer

Es passiert fast jeden Tag in unserer Praxis. Ein Patient berichtet, „schon immer“ diese Nackenschmerzen gehabt zu haben, schon mit 10 Jahren bei der Massage gewesen zu sein oder sich „gar nicht mehr“ an eine Zeit ohne Rückenschmerz erinnern zu können. Andere Patienten beschreiben unklare Fieberschübe ohne erkennbare Ursache in der Jugend oder Panikstörungen seit der Schulzeit. Es sind oft wenige Stichworte, die in unseren Gesprächen fallen und so viel aussagen.

Traumatisierung als Kind

Die Erfahrung zeigt, dass diese wenigen Informationen eine Menge über eine Patientenbiografie erzählen. Es erzählt von Perioden schwieriger Lebensphasen, allem voran in den ersten 20 Lebensjahren. Meist hat es mit den Eltern zu tun oder mit der Familienkonstellation. Ein nicht-liebender oder alkoholabhängiger Vater, eine ängstliche oder depressive Mutter, die emotionale Vernachlässigung neben den Geschwistern oder die Notwendigkeit, bereits in jungen Jahren erwachsen werden zu müssen, ohne die Kindheit unbeschwert ausgelebt zu haben. Diese Erfahrungen und noch viele mehr schildern diese Patienten oft und beschreiben im Kern eines: die Angst vorm Verlassenwerden.

Diese größte Urangst, die in jedem Menschen steckt und vor allem das Kind ein Leben lang prägen kann, ist oft eine entscheidende Schmerzursache im Jetzt. Während ein ausgewachsener Mensch über gewisse adäquate Reaktionsmöglichkeiten bei Stress verfügt, sind Kinder noch nicht so weit entwickelt. Kinder entwickeln erst im Laufe der frühen zweistelligen Lebensjahre allmählich adäquate Reaktionsmöglichkeiten auf Stressoren, welche ihnen ein selbstständiges Leben ermöglichen. Bis dahin sind Kinder von ihren Bezugspersonen abhängig, entgegen der meisten tierischen Kinder, welche oft schon ab der Geburt über gewisse selbstständige Fähigkeiten verfügen. Steppentiere laufen direkt nach der Geburt und Affenkinder können sich festhalten. Das menschliche Kind ist über viele Jahre körperlich vollkommen abhängig davon, versorgt zu werden

Damit einher geht auch eine psychische Abhängigkeit: die Abhängigkeit, dass die Bezugspersonen als ein Schild gegen Gefahren fungieren. Wenn diese ihre Aufgabe erfüllen, kann das Kind eine von Stress unbelastete Entwicklung durchmachen. Wenn dieser Schild jedoch Lücken aufweist, muss sich das Kind selbst mit den Stressoren auseinandersetzen. Ein Kind jedoch kann nicht fliehen oder kämpfen. Kinder reagieren daher viel schneller mit einer Erstarrungsreaktion. Diese Erstarrungsreaktion ist die Ultima Ratio, also der letztmögliche Weg, auf Stress zu reagieren, wenn der Schild nicht funktioniert hat.

Jedes Tier verfügt über diesen Erstarrungsreflex, gut bekannt von Unfallopfern, Opfern von Gewalt oder auch bei Tieren wie Gazellen, welche von ihrem Jäger gefasst werden. Apathie und „Nichtstun“ ist das letzte Mittel, dessen sich der Körper bedient, wenn ein Stressor mit adäquaten Mitteln nicht zu besiegen ist. Ein Kind, welches häufigem Stress ausgesetzt ist, befindet sich bereits an dem Punkt, dass es auf dieses letzte Mittel zurückgreifen muss. Es reagiert körperlich mit Muskelspannung und psychisch mit Anpassungsreaktionen, welche das Ziel haben, in Zukunft eine bessere Reaktion zu ermöglichen. Dies wird als Trauma bezeichnet, ist im Grunde jedoch eine gesunde psychische Adaptation an einen starken Stressor. Eine Angststörung beispielsweise verhindert, dass sich der Mensch erneut einer potenziellen Gefahr aussetzt.

Beispiele aus meiner Praxis

Ein Kind – in inadäquater Frequenz und Intensität Stress ausgesetzt – adaptiert sich also an diese Situation mit einer zunehmenden „Erstarrungsneigung“. Die Erstarrungsneigung nimmt das Kind mit ins Erwachsenenleben und reagiert auch in späteren Lebensjahren dadurch empfindlicher auf körperliche und psychische Stressoren. Hier folgen zwei schwere Beispiele aus meiner Praxis:

Ein Patient mittleren Alters beschreibt den frühen Tod seiner Mutter. Infolge dessen musste er „erwachsen werden“ und sich um die jüngeren Geschwister kümmern. Der Vater entwickelte eine schwere Depression und war heillos überfordert. Der Umzug aus der geliebten Heimat nahm dem Patienten über Jahre die übrigen Sicherheitsgefühle.
Hier wird der Schild, der das Kind vor Stress schützen sollte, vollends gebrochen. Ein Elternteil stirbt, das andere erfüllt seine elterliche Rolle nicht mehr. Zudem verliert der Patient seine Heimat. Eine starke Neigung zu Muskelspannung baut sich auf, welche durch wiederholte schwierige Lebensphasen immer wieder reaktiviert und aufgefrischt wird.

Eine junge Patientin beschreibt starke Nackenbeschwerden seit der frühen Jugend – ein häufiges Stichwort, welches auch hier wieder eine belastete Biografie widerspiegelt. Der Vater erfüllte von Grund auf keine Funktion eines Schildes. Er selbst war der Stressor. Alkoholkrank und misshandelnd hat er Kinder und Frau über Jahre traumatisiert. Selbst nach der Trennung hat er „Stalking“ betrieben, sodass das folgende Leben für die Patientin zeugenschutzartige Formen angenommen hat.
Wo ein Urvertrauen in die Nächsten sein sollte, entstand bei der Patientin eine stark ängstliche und skeptische Lebenshaltung. Das Kind war von Anfang an auf sich gestellt, da die Mutter ihre schützende Rolle nicht ausfüllen konnte. Auch hier wurde die Erstarrungsneigung im Laufe des Lebens immer wieder aufgefrischt.

Diese Fälle sind bereits starke Beispiele. Die meisten Patienten, bei denen eine biografische Spannungsneigung eine Rolle spielt, beschreiben weniger traumatisierende Situationen. Auch diese reichen jedoch aus, um eine Erstarrungsneigung im kindlichen bzw. jugendlichen Nervensystem zu erzeugen.

Bei der Betrachtung der frühen Biografie gilt es, dies durch die Augen des Kindes zu tun. Kinder haben eine sehr hohe Sensibilität dafür, drohende Unsicherheiten zu erkennen. Oftmals überinterpretieren sie sogar. So können Kinder bereits bei milden Streitereien der Eltern darin eine Gefährdung erkennen und befürchten eine Trennung. Dahinter steckt eben die genannte psychische Abhängigkeit menschlicher Kinder von ihren Versorgern.

Ganzheitliche Therapie notwendig

In der Therapie gilt es stets, solche biografischen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Eine ausschließlich lokale Behandlung des Nackens bei jahrzehntelangen Nackenbeschwerden ist damit oftmals unzureichend. Selbst wenn die Beschwerden gelindert werden, so ist das eigentliche Thema nicht berührt und es kommt schnell zu Folgebeschwerden oder zu einer Wiederkehr der alten Beschwerden. Es handelt sich dabei meist um einen großflächigen Komplex aus Spannungen, welche oftmals weite Teile des Körpers inkludieren.

Um eine langfristige Prävention zu erreichen, muss ebendieser Komplex in seiner Gesamtheit therapiert werden. Im Rahmen der Spannungsreduktion entwickelt der Körper eine gewisse „Resistenz“ gegen erneuten Spannungsaufbau. Man wird robuster und weniger empfindlich. Damit geht wiederum eine psychische Entspannung einher, da Kopf und Körper nie voneinander zu trennen sind. Geht es dem Körper besser, so geht es auch dem Kopf besser und umgekehrt genauso.