Das Problem der Osteopathie

Die Osteopathie hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte in Deutschland etabliert. Und doch hat sie noch immer einen schwierigen Stand. Speziell die Schulmedizin steht ihr oft kritisch gegenüber. Ärzte sind dabei nicht der Grund für die zunehmende Bekanntheit der Osteopathie. Es sind die Menschen, die in ihr eine Therapieform erkennen, welche eine Lücke füllt, die in der Schulmedizin nicht ausgefüllt wird: die Behandlung von funktionellen Schmerzen. Der Großteil der Schmerzsyndrome, seien es Rücken-, Knie-, Kopf- oder Hüftschmerzen, haben keine krankhafte Ursache. Stattdessen sind es Muskelspannungen und Gelenksblockierungen, welche keinesfalls krankhaft sind. Es sind natürlich ablaufende körpereigene Reflexreaktionen, welche diese Schmerzsyndrome entstehen lassen. Das Problem für die Schulmedizin ist dabei einfach: Diese körpereigenen Reflexreaktionen sind mit konventionellen diagnostischen Methoden kaum zu beweisen. Eine denkbar schlechte Grundlage für eine wissenschaftlich fundierte Therapie. Für viele Mediziner endet deshalb schnell die Diagnostik ohne Ergebnis. Der Patient steht dann ohne hinreichende Diagnose und ohne adäquate Therapie da. Die Schmerzen sind jedoch die selben wie vorher. Nicht selten werden dem Patienten dann „Befindlichkeitsstörungen“, Überempfindlichkeit oder depressive Tendenzen attestiert. An diesem Punkt brechen viele Patienten mit der Schulmedizin und wenden sich Alternativen zu.

Wie es dazu kam

Der Ursprung dieses Missverhältnisses findet sich in der Gründungsphase der modernen Medizin in den 1850er Jahren. Rudolf Virchow begründet die revolutionäre Zellularpathologie, nach der jede Krankheit auf eine beobachtbare Zellveränderung zurückgeht. In dieser bahnbrechenden Erkenntnis fehlte jedoch ein kleines Puzzleteil. Muskel- und Faszienspannung passte nicht in diese Kategorien, weshalb sie unabsichtlich ignoriert wurden. So hat sich die moderne Medizin entwickelt unter weitestgehender Missachtung der Existenz solcher funktionellen muskulären Störungen. Sie sind kaum Inhalt des medizinischen Studiums. Der Arzt lernt daher nicht standardmäßig von der Existenz und dem Wesen dieser Störungen. In die dabei entstehende Nische unzureichender Therapiemöglichkeiten traten naturgemäß alternativmedizinische Verfahren um die Lücke zu füllen.

Die Osteopathie schwappte aus den USA nach England und von hier aufs europäische Festland. Großteils außerhalb des wissenschaftlichen Establishments verortet kam es zu einem „Wildwuchs“ innerhalb der osteopathischen Theorien. Während die moderne Medizin sich wie jede andere Wissenschaft ständig neu erfindet und veraltete Theorien verwirft, steckt die Osteopathie seither mit einem Bein zum Teil in fast schon religiösen Zuständen fest. Sie bezieht sich auffällig stark auf die wenigen Gründerväter der Osteopathie und erhebt sie nicht selten in eine fast prophetischen Höhe. Selbst die Theorien der bekannteren Gründerväter anderer Wissenschaften, seien es Sigmund Freud oder selbst Albert Einstein, sind mehr oder weniger widerlegt. Das liegt in der Natur des wissenschaftlichen Fortschrittes. Die Ideen der Gründerväter bleiben teilweise gültig und werden teilweise widerlegt. Die Osteopathie tut sich an dieser Stelle auffällig schwer mit der Widerlegung wissenschaftlich veralteter Theorien. Dies ist ein zentrales Problem der Osteopathie. Dies ist jedoch eine nicht bloß selbstverschuldete Dynamik. Das Wesen osteopathischer Therapien lässt sich nur schwierig wissenschaftlich fundieren. Bei der Erforschung der Wirkungen von Medikamenten lassen sich „doppelt verblindete“ Studien durchführen, in denen weder der Arzt, noch der Probant wissen, welche Pille das Placebo ist und welche nicht. In einer Therapieform wie der Osteopathie wird es schwierig. Stellen Sie sich einen Therapeuten vor, der weder weiß, dass er therapiert und einen Patienten, der nicht weiß, dass er therapiert wird. Dass sich mit osteopathischen Studien auch kein Geld verdienen lässt, tut sein übriges. So bleibt es interessierten Studenten und Therapeuten, Zeit und Kapital zu investieren, um Studien zu erstellen, die den wissenschaftlichen Standards stets nur zum Teil genügen können.

Eine Parralelwelt

So entstand eine Therapieform, welche in ihren zahlreichen Subformen so unkontrolliert unwissenschaftlich geworden ist, dass sich die Schulmedizin kaum damit anfreunden konnte. So kämpft die Osteopathie darum, ihre Existenzberechtigung in den Wissenschaften durchzusetzen. Es ist eine Parallelwelt, in der eine wunderbare Therapieform sich aufgrund ihrer Leichtgläubigkeit gegenüber unwissenschaftlicher Therapieansätze immer wieder selbst demontiert und den Weg erschwert, eines Tages anerkannter Teil der medizinischen Wirklichkeit zu sein.

„Mein Skeptizismus ist für mich wie ein Filter, bei welchem sich viele Therapieinhalte der klassischen Osteopathie verfangen da sie wissenschaftlich unhaltbar sind. Die intuitive, künstlerische Natur der Osteopathie ist wunderbar, sollte meiner Meinung nach jedoch stets durch eine Brille wissenschaftlicher Logik betrachtet werden, sonst rutscht man schnell ab in eine spirituelle, fast religiöse Auslegung. Das schafft weder bei Patienten noch Ärzten Vertrauen.“

Finn O. Fleischhauer, Osteopath und Praxisinhaber „Analytische Osteopathie und Schmerzprävention“, versucht, eine offene und ganzheitliche Betrachtung des Menschen mit kompromissloser Logik zu verbinden und in seinem Behandlungskonzept tagtäglich auf die Probe zu stellen.