Über den Erstarrungsreflex des Menschen

In meiner Erstausbildung und vielen Berufsjahren als Krankengymnast bzw. Physiotherapeut habe ich viel über die Muskelkräftigung gehört, gelernt und bei den Patienten angewendet. Bei chronischen Schmerzpatienten war der Erfolg dieser Behandlung erschreckend gering. Man muss wissen, dass etwa 80 Prozent der Schmerzpatienten unter nicht erklärbaren (funktionellen) Störungen, überwiegend am Bewegungsapparat, leiden.

Über diese Störungen wurde in meinem anschließenden 12 Semester dauernden Medizinstudium nichts gelehrt. Dies ist auch heute noch so. Man lernt viel über seltenste Erkrankungen, aber nicht, wie man den vielen funktionell schmerzgeplagten Menschen (ca. 10 Millionen in Deutschland) effektiv helfen kann – und zwar ohne Operation, ohne Medikamente und ohne Spritzen. Funktionelle Störungen kann man auf dem Röntgenbild und im MRT nicht sehen, auch im Blutbild zeigen sich keine Veränderungen. Nach dem Medizinstudium kann man bei Interesse zusätzliche Fortbildungen in Manueller Medizin und Osteopathie machen.

In meiner Arbeit als Orthopäde und ärztlicher Osteopath kommen täglich viele Schmerzpatienten in unsere Praxis, die eines gemeinsam haben: eine extrem verhärtete und verspannte Muskulatur, verspannte Faszien (Bindegewebe) und häufig auch Spannungen in den Eingeweideorganen. Dabei stellt sich die Frage, woher diese Häufung kommt. In der Natur geschieht nichts grundlos. Auffällig ist, dass diese Menschen fast immer einen Auslöser ihrer Muskelstarre haben. Es können schwierige Phasen in ihrem bisherigen Leben sein oder manchmal nur kurz erlebte körperliche oder seelische Stresssituationen oder Verlassensangstsituationen.

In der Psychologie und Psychosomatik ist seit langem das Zusammenspiel von Körper und Geist bekannt. Durch die Ergebnisse der neurophysiologischen Forschung kann man heute erklären, warum sich die Spannung der Muskulatur und der Faszien verändert, wenn der Mensch einer Stresssituation ausgesetzt ist.

Es handelt sich um eine Art Erstarrungsreflex, für den vor allem das Rückenmarknervensystem verantwortlich ist. Die Beschwerden machen sich oft erst viele Jahre nach der auslösenden Situation bemerkbar. So können z. B. Rückenschmerzen, Schulter-, Nackensteife usw. entstehen. Es handelt sich um eine Art Notfallmodus des Menschen, um Energie zu sparen. Daher sind auch häufig vegetative Funktionen (Verdauung, Immunabwehr, Hormonhaushalt) gestört.

Dr. med. Michael Fleischhauer